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Bereich: FFreiämter

Schon über 50 Perlen

Aktion von «Entdecke Freiamt.Mittendrin»

Wo sind die schönsten Perlen im Oberen Freiamt? Bereits über50 Beiträge aus der regionalen Vielfalt und Lebendigkeit zeigt die seit Juli laufende Mitmach-Aktion.

Das regionale Impulsprogramm«Freiamt.Mittendrin.» ist derzeit besonders aktiv und nahe bei der Bevölkerung. Die öffentliche Sammlung sogenannter Perlen im Rahmen der Kampagne «Entdecke Freiamt.Mittendrin.» nimmt stetig zu und zeigt die Attraktivität der Region in den Bereichen Wohnen, Arbeiten und Freizeit auf. Ob kleine Veranstaltung oder Naherholungsgebiet mit Ausblick: Es lohnt sich, die Perlen im Oberen Freiamt zu entdecken.
Ausgehtipp, Spazierweg oder Grillplatz gesucht? Unvergessliche Erlebnisse und attraktive Örtlichkeiten sind bequem auf der Website www.freiamt-mittendrin.ch abrufbar. Die Sammlung an Perlen ist bereits mit über 50 vielfältigen Beiträgen bestückt– ein Beleg für die Attraktivität der Region und Inspiration für Besucherinnen und Besucher, die bereits zahlreich von diesem Angebot Gebrauch machen. Die Website als zentrale Plattform widerspiegelt dieses Interesse: Im Zeitraum Juli und August wurden rund 98 200 Seitenaufrufe getätigt. Die Besucherzahlen haben gegenüber dem Stand von vor der Kampagne um 40 Prozent zugenommen.
Nun startet die zweite Halbzeit der noch bis November laufenden Kampagne– weitere spannende Beiträge werden erwartet. Also heisst es weiter: Auf geht es zum Perlensammeln– noch viele weitere ansprechende Orte oder Veranstaltungen warten darauf, entdeckt und geteilt zu werden. Social-Media-Profile @freiamt.mittendrin. auf Facebook, Instagramoder LinkedIn laden in Ergänzung zur Website ebenfalls zum Vernetzen und Inspirieren ein.

Attraktive Preise gewinnen
Nebst der Perlensammlung sind die Wettbewerbe ein beliebter Teil der Kampagne, samt Preisen aus dem Freiamt. Monatlich wechselt die Wettbewerbsfrage, bei der sich alles um mehr oder weniger versteckte Perlen im Oberen Freiamt dreht.

Lösung, die alle weiterbringt

Alles auf einmal, das geht nicht. Schliesslich ist das, was unter dem Namen «Interprofessionelle Hausarztpraxis Muri Plus» vor rund einem Jahr gestartet ist, ein Pilotprojekt. Nun sind erste Meilensteine erreicht. Im Januar startet die Hausarztpraxis Muri Freiamt AG offiziell – auch ein Glück für die Patienten von Hans-Jörg Longatti.

Annemarie Keusch
Die Ziele sind gross. Die medizinische Grundversorgung in Muri und Umgebung soll verbessert werden. Ein attraktives Hausarztcurriculum für die Ausbildung junger Ärztinnen und Ärzte soll entwickelt werden. Das Berufsbild der Pflegeexpertin APN soll gefördert werden. Zur integrierten Gesundheitsversorgung in der Region soll beigetragen werden. Und die einzelnen Prozesse sollen digitalisiert werden. Diese Zielsetzungen, sie standen am Anfang des Pilotprojekts«Interprofessionelle Hausarztpraxis Muri Plus». Sie waren es, die den Aargauer Regierungsrat Anfang Jahr überzeugten und am Ursprung für die 1,46 Millionen Franken standen, die der Regierungsrat zur Unterstützung des fünfjährigen Pilotprojekts sprach. Zwölf Monate später, also Anfang nächsten Jahres, wird die Umsetzung einer ersten dieser Zielsetzungen beginnen. Was nach wenig tönt, ist ein stattlicher und nicht einfacher Weg,

Dass Suche schwierig wird, war uns klar
Verena Gantner, VR-Mitglied

den das Projekt zurückgelegt hat. «Wir haben uns auf den Weg gemacht und können nun erste grosse Etappenziele präsentieren», sagt Gemeinderat Daniel Räber. Es war die Gemeinde Muri, die am Anfang des Projekts stand. «Die medizinische Grundversorgung ist eine der Aufgaben der Gemeinde. Bisher hatten wir Glück, dass Private dies abdecken. Weil es aber immer schwieriger wird, sahen wir uns in der Pflicht, zu handeln », sagt Räber.

Unterstützung von sieben Gemeinden
Das Ja an der «Gmeind» im letzten November zu maximal 100 000 Franken Aktienkapital und maximal150 000 Franken Darlehen für das Pilotprojekt war die Initialzündung. Weitere folgten, etwa das Ja des Regierungsrates zur finanziellen Unterstützung, das Ja aus Gesundheitsinstitutionen in der Region und das Ja zu finanzieller Unterstützung aus sieben Gemeinden. Auw, Bettwil, Kallern, Merenschwand, Rottenschwil, Sinsund gar Oberlunkhofen ausserhalb des Bezirks beteiligen sich am Projekt.«Wir konzentrieren unsere Energie darauf, mit jenen vorwärtszugehen, die dabei sind», sagt Räber. Dass 13 der 19 Gemeinden im Bezirk dies nicht sind, daran störe er sich nicht. «Wir sind weiterhin offen, für Gemeinden, Institutionen oder Praxen, die den Weg mit uns gehen wollen.» Mit «wir» meint Räber aber nicht mehr die Gemeinde Muri und nicht mehr das Pilotprojekt «Interprofessionelle Hausarztpraxis Muri Plus», sondern die Hausarztpraxis Muri Freiamt AG. Diese ist mittlerweile gegründet, im Handelsregister eingetragen. Verwaltungsratspräsident ist Andreas Bürge, der die Projektgruppe von Anfang an begleitet hat. «Ich verfüge über Erfahrung mit Verwaltungsratsmandaten», sagt er, der ursprünglich Wirtschaftsprüfer ist.«Als die AG gegründet war, konnte es so richtig losgehen», sagt er.

Ärztin aus Deutschland übernimmt die Leitung
Und das hiess vor allem, dass ärztliches Personal gesucht werden musste.«Ohne Ärzte geht es eben nicht», sagt Verena Gantner, selber Ärztin in Muri, Verwaltungsratsmitglied und eine der treibenden Kräfte hinter dem Projekt. «Dass diese Suche schwierig werden würde, war uns von Anfang an klar», sagt sie. Gespräche hätten geholfen, die verschiedenen Netzwerke. Fündig wurde die Hausarztpraxis Muri Freiamt AGin Deutschland. «Viele dortige Ärztinnen und Ärzte sind des deutschen Systems überdrüssig. Das ist unser Glück.» Die 44-jährige Judith Melchers-Equit sei die ideale Frau, ist Daniel Räber überzeugt. «Nur schon dass sie bereit ist, mit ihrer vierköpfigen Familie in die Schweiz zu ziehen und ein neues Leben anzufangen, zeugt von ihrer Motivation.» Zudem sei die Stelle als Leiterin der Hausarztpraxis Muri Freiamt AG äusserst attraktiv, findet Verena Gantner. «Diese Arbeit ist ausserhalb der Norm. Hier kann die Ärztin mitgestalten, etwas aufbauen, etwas bewegen.» Denn die Gruppenpraxis, die im Januar offiziell und ab Februar mit Judith Melchers-Equit eröffnet wird, ist erst der Anfang.

Glücklicher Hans-Jörg Longatti
Ein Anfang, der auch für die Patientinnen und Patienten von Hans-JörgLongatti Perspektiven bietet. Longatti betreibt die Praxis an der Singisenstrasse40 seit über 20 Jahren, zuerst mit Urs und Heidi Pilgrim, später mit Christa Bauer und mittlerweile als einziger Allgemein- und Sportmediziner. Die Arztsuche gestalte sich äusserst schwierig, sagt Longatti. Auch ist er in einem Alter, um mögliche Nachfolgelösungen zu evaluieren.«Die Übergabe von Einzel- oder Doppelpraxen ist fast unmöglich geworden.» Über Verena Gantner erfuhr er vom Projekt, das die Gemeinde Murilancierte. «Die Idee hat mich sofort angesprochen. Zudem kann das Projekt auf den Rückhalt der Bevölkerung und der öffentlichen Hand zurückgreifen», sagt er. Und es bietet ihm neue Persepktiven. «Für mich eröffnen sich Möglichkeiten, die Verantwortung für die Betriebsführung und Administration abzugeben und mich auf die Arbeit mit meinen Patienten zu konzentrieren.» Er sei glücklich, dass seine bisherigen und künftigen Patienten weiterhin eine kontinuierliche hausärztliche Betreuung haben. Etwas, das gerade im Bezirk Muri nicht selbstverständlich ist. Longatti wird weiterhin als Hausarzt praktizieren. Sein Team bleibt ebenso bestehen wie der Standort ander Singisenstrasse 40. Für die Hausarztpraxis Muri Freiamt AG sei dies eine ideale Übergangslösung. «In ein bis maximal eineinhalb Jahren wollen wir aber einen grösseren, moderneren Standort, der zentraler liegt», sagt Daniel Räber. Mindestens 300 Quadratmeter soll dieser umfassen.«Wir haben Ideen, spruch reif ist aber noch nichts.»

Hier ausbilden, um möglichst hier zu halten
Klar ist damit aber, dass die Hausarztpraxis Muri Freiamt AG wachsen will. «Total 120 Stellenprozente mehr im Hausarztbereich lösen das Problem nicht», sagt Verena Gantner. Zumal mit der Stärkung der medizinischen Grundversorgung nur eine der anfänglich fünf formulierten Zielsetzungen erreicht ist. «Wir sind weiter hinauf der Suche nach Ärztinnen und Ärzten», sagt Gantner. Parallel laufe der Aufbau für ein Hausarztcurriculum, das jungen Ärztinnen und Ärzten die Möglichkeit bieten soll, mittels Rotationsstellen in ganz unterschiedliche Fachrichtungen Einblick zu erhalten. «Das braucht viel Organisation und viele Gespräche im Voraus», weiss Gantner. Sie betont, wie attraktiv solche Rotationen seien. «Wer Einblick hatte in die Arbeit beispielsweise eines Dermatologen, kann nachher kleine dermatologische Herausforderungen auch auf Stufe Hausarzt lösen.» Solche Rotationen bieten aktuell nur grosse Spitäler an. Und Gantner hofft: «Wenn wir junge Leute hier in der Region ausbilden, dann bleiben sie vielleicht nachher auch hier.» Zudem soll das Berufsbild der Pflegeexpert in APN gefördert werden –ein neues Berufsbild. «Eine Pflegefachperson mit Masterstudium als Bindeglied zwischen Pflegefachleuten und Hausärzten, die verschiedene Arbeiten von Hausärzten ausführen kann.»

Im regen Austausch mit ganz vielen Parteien
Gespräche mit jungen Ärztinnen und Ärzten, die sich potenziell im Curriculum weiterbilden. Gespräche mit Pflegefachleuten, die eine Weiterbildung als Pflegeexpertin APN in Betracht ziehen. Gespräche mit Institutionen, die solche APNs bereits im Betrieb integriert haben. Gespräche mit Ärzten in der Region. Austausch mit der kantonalen Sektion des Hausärzteverbandes.«Wir sind ein Pilotprojekt. Ohne Vernetzung, ohne ganz viele Gespräche wird es schwierig», sagt Daniel Räber. «Wir lernen an jedem einzelnen Tag dazu.» Dabei, dass das Projekt von Erfolg gekrönt ist, helfen in der Region ganz viele Leute mit. «Es ist ein grosses Miteinander. Der Goodwill ist gross und motivierend.» Oder wie es Verena Gantner sagt: «Das ist erst der Anfang.»

Erste grosse Schritte sind getan

Die Hausarztpraxis Muri Freiamt AG startet im neuen Jahr an der Singisenstrasse 40

Aus dem Pilotprojekt «Interprofessionelle Hausarztpraxis Muri Plus» ist die Hausarztpraxis Muri Freiamt AG geworden. «Es ist der Anfang», sagt VR-Mitglied Verena Gantner.

Annemarie Keusch

Es ist erst eines von fünf konkreten Zielen, das umgesetzt wird. 120 zusätzliche Hausarzt-Stellenprozente stehen ab Februar in Muri zur Verfügung. Die medizinische Grundversorgung in Muri und Umgebung stärken, das wird damit gemacht. Und das schon gut ein Jahr nachdem an der «Gmeind» in Muri der Antrag des Gemeinderates zur Beteiligung am Pilotprojekt«Interprofessionelle Hausarztpraxis Muri Plus» genehmigt wurde.«Wichtige Schritte sind seither erfolgt», sagt Muris Gemeinderat Daniel Räber. Die Hausarztpraxis Muri Freiamt AG wurde gegründet – Räber ist einer der fünf Verwaltungsräte. Zwei Hausärztinnen wurden angestellt, Gowsalya Somaskantharajah anfangs in einem 20-Prozent-Pensum,Judith Melchers in einem100-Prozent-Pensum. Und ein Standort wurde festgelegt: die Singisenstrasse 40. Die Praxis also, die aktuell Hans-Jörg Longatti führt. «Weil für ihn die Suche nach einer geeigneten Nachfolgelösung sehr schwierig war, kamen wir zusammen», sagt Räber. Er betont aber, dass dies bloss eine Übergangslösung sei.«Um die weiteren vier formulierten Zielsetzungen zu erreichen, brauchen wir mehr.» Mehr Platz, mehr Ärzte. Verena Gantner, Hausärztin in Muri und ebenfalls Mitglied des Verwaltungsrates, sagt: «Das ist erst der Anfang.» Vom Gelingen des Projekts sind alle Beteiligten überzeugt. «Das Teamwork stimmt und wir dürfen in Muri und der gesamten Region auf viel Goodwill zählen», sagt Daniel Räber.

Tsunami möglichst ohne Schaden

Alterspolitik war das grosse Thema am 14. Altersforum der Repla Oberes Freiamt

Die einen haben eine Alterskommission, andere ein Altersleitbild. Das Thema Alter beschäftigt die Gemeinden, und das in ganz vielen Bereichen – vom öffentlichen Verkehr bis zum Beratungsangebot. Am Altersforum erläuterte Lis Lüthi von der Fachstelle Alter und Familie Aargau die neuen Leitsätze des Kantons.

Annemarie Keusch
«Das ist schön, aber es gibt noch einiges zu tun.» So kommentiert Lis Lüthi, Fachstelle Alter und Familie Aargau, eine Umfrage zur Alterspolitik.65 Prozent der Gemeinden gaben an, etwas in diesem Bereich zu machen. Möglichkeiten gibt es viele, Beispiele ebenso. Jenes etwa aus Niederwil, das der langjährige Gemeindeammann und langjährige Direktor des Reussparks, Thomas Peterhans, präsentierte.
«Ned elei i eusem Dorf»heisst die Broschüre, die der Seniorenrat verfasste. «Wir haben einfach damit angefangen», erzählt er. Über zehn Jahre sind vergangen, seit auf Antrag der Parteien eine Arbeitsgruppe zum Thema Alter gegründet wurde. Was mit einem Workshop startete, ist mittlerweile ein funktionierender Seniorenrat geworden.«Wir sind das Bindeglied zwischen dem Gemeinderat und der älteren Bevölkerung und partizipieren bei Themen, die die Alterspolitik betreffen», erklärt Peterhans. Beispielsweise beim Bauprojekt, das aktuell im Herzen Niederwils entsteht. «Rund60 Wohnungen. Wir setzten uns dafür ein, dass zumindest ein Teil davon hindernisfrei gebaut wird.» Vieles wurde in den letzten Jahren auf die Beine gestellt. Ein Mahlzeitendienst beispielsweise. Ein Fahrdienst ebenso. Dass kleinere Arbeiten im Haus oder Garten erledigt werden, ist ein weiteres der Angebote, ebenfallsdie IT-Unterstützung, die Begleitung für Spaziergänge, Senioren im Klassenzimmer oder Feriendienste.«Was ich als sehr wichtig erachte, sind die persönlichen Hausbesuche», sagt Peterhans. Im Gespräch mit den Leuten spüre man, wenn jemand droht zu vereinsamen.

Auch ohne Altersleitbild

Ganz vieles basiere dabei auf Freiwilligenarbeit, einige der Angebote kosten.«Zehn Franken pro Stunde zahlt, wer diese in Anspruch nimmt. Wer die Aufträge erfüllt, bekommt die zehn Franken», erklärt Peterhans. Eine Koordinationsperson organisiert die Dienstleistungen und die Mahlzeiten. Das alles wurde in Niederwil ganz ohne Altersleitbild aufgegleist.«Mit gesundem Menschenverstand ging es auch so», sagt Thomas Peterhans. Trotzdem, mittlerweile hat auch Niederwil ein solches.«Dabei muss keine Gemeinde das Rad neu erfinden. Die Pro Senectute leistet Unterstützung», betont er. Obwohl in Niederwil ganz vieles ganz gut läuft, gibt es Herausforderungen.«Freiwillige zu rekrutieren, ist eine», sagt Peterhans. Primär frage der Seniorenrat direkt Leute an.«Denn nicht alle Freiwilligen eignen sich.» Rund 40 Personen zählen sie in Niederwil aktuell, 35 davon sind im Seniorenalter. Eine weitere Herausforderung macht er im Überbringen der Informationen an die Zielgruppe aus. «Wir drucken Broschüren, Flyer, aber viele Leute lesen sie nicht. Den Informationsfluss zu verbessern, ist eines unserer grossen Ziele, ebenfalls eine altersgerechte Homepage.» Ob mit oder ohne Altersleitbild. Dass es wichtig ist, sich dieses Themas anzunehmen, das betonte Thomas Peterhans immer wieder. Auch für Hans-Peter Budmiger, Vorsitzender der organisierenden Fachgruppe Alter und Gesundheit der Repla Oberes Freiamt, ist das die Quintessenz.«Dieser Abend sollte Gedankenanstösse geben.» Die Voraussetzungen dafür seien gut in der Region. Viele Gemeinden seien bereits unterwegs.«Und vor allem reden wir miteinander, arbeiten auch regional zusammen.»

Ältere Bevölkerung nimmt zu
Sich austauschen, im Dialog sein, das ist auch laut Fachstelle Alter und Familie Aargau wichtig. Denn das Thema verändert sich laufend, wie Lis Lüthi sagt. Sie spricht vom «grauen Tsunami». Während 2019 noch18 Prozent der Aargauer Bevölkerung über 65-jährig waren, werden es 2050 wohl 27 Prozent sein. «Dass wir länger gesund bleiben, älter werden,ist dabei eine Errungenschaft, etwas Schönes», findet sie. Faktoren, die dazu führten, gebe es viele. Von den gestiegenen Hygienestandards über Sicherheitsmassnahmen, wie die Einführung der Gurtpflicht im Auto, bis hin zum saubereren Trinkwasser.

14 Prozent sind unter der Armutsgrenze
Dass die Leute immer älter werden, sei schön, bringe aber auch Herausforderungen mit sich. 2021 lebten im Aargau 130 000 über 65-jährige Menschen.«Alle mit anderen Bedürfnissen, anderen Voraussetzungen, anderen Geschichten», sagt Lüthi. Solche, die sterben wollen. Solche, die sich als frisch Pensionierte ein neues Tätigkeitsfeldsuchen. Solche, die drohen zu vereinsamen. «Hinzu kommen wirtschaftliche Herausforderungen, wie etwa die Finanzierung der Altersvorsorge», weiss Lüthi. Und sie spricht auch das Thema Altersarmut an. «18 000 Menschen, fast 14 Prozent, leben unter der absoluten Armutsgrenze von 2279 Franken pro Monat. Das sind dreimal so viele Menschen, wie in Muri wohnen. Und das alleine im Kanton Aargau.» Handlungsbedarf, das gibts in allen Gemeinden. Entsprechend angeregt ist der Dialog unter Behördenvertretern und Vertretern aus Gesundheitsinstitutionen. Der öffentliche Verkehr, geeigneter Wohnraum, soziale Teilnahme, Zugang zu Beratung und Unterstützung, Gesundheitsversorgung– die Themen, dies ich rund um die Alterspolitik auftun, sind divers.

Fachstelle steht den Gemeinden zur Seite
Im Januar hat der Regierungsrat des Kantons Aargau neue Leitsätze veröffentlicht. Ein fünfzackiger Stern, jeder Zacken steht für ein Überthema. Vernetzen, kommunizieren, weiterentwickeln– diese drei Stichworte fliessen wie die drei Wellen im Aargauer Wappen in alle fünf Zacken ein. Soziale Teilhabe und Partizipation ist einer der Zacken. «36 Prozent der Menschen fühlen sich manchmal bis häufig einsam. Nicht nur, aber auch im Alter», weiss Lis Lüthi. Unter dem Titel Sicherheit und Prävention meint der Kanton Aargau beispielsweise das Aufklären zu möglichen Gefahren, etwa in Bezug auf Telefonbetrug. Die Erwerbs- und Freiwilligenarbeit soll zeigen, wie wichtig diese Generationen für die Gesellschaft sind. Lis Lüthi sagt: «Über 65-Jährige leisten im Aargau jährlich schätzungsweise zehn Millionen Stunden Freiwilligenarbeit.» Wohnen, Mobilität und öffentlicher Raum ist ein weiterer Themenbereich.«Geeignete Infrastruktur und Dienstleistungen machen das Leben der älteren Leute länger selbstbestimmt und eigenständig.» Beratung und Unterstützung ist der fünfte Zacken des Sterns. «Viele, gerade ältere Leute wünschen sich eine zentrale Anlaufstelle.» Ob diese regional oder kommunal realisiert werde, das sei sekundär. «Es geht einfach darum, dass Sie sich all dieser Punkte bewusstwerden», sagt Lüthi. Die Unterstützung gerade für Gemeinden sei da, seitens der Fachstelle Alter und Familie. «Wir haben Checklisten, Massnahmenpläne, Broschüren. Wir machen das für Sie.»

Mehr als einfach hinkippen

Die Betreiber der Deponie Babilon erzählten am Netzwerkanlass aus ihrem Alltag

Die Lastwagen fahren hin, kippen das Aushubmaterial und gehen wieder. So einfach ist das nicht. Das erfuhren über 70 Interessierte am Netzwerkanlass, den die Repla Oberes Freiamt zusammen mit der Industrievereinigung Muri und der Gewerbevereine Muri und Sins organisierte.

Annemarie Keusch
Es geht um ökologische Ausgleichsflächen, um Feststoffproben, aber auch um mit GPS-System ausgerüstete Dozzer, die das Aushubmaterial zwar verteilen, aber nach wie vor wissen, wo das Material welches Lastwagens und damit welcher Baustelle gelagert ist. Der Betrieb der Aushubdeponie Babilon ist komplexer, als es sich wohl ganz viele vorstellen. Dass es aber ein Thema ist, das interessiert, zeigt der Besucheraufmarsch. Über 70 Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Gewerbe oder Gesellschaft kamen auf Einladung der Repla Oberes Freiamt, der Industrievereinigung Muri und der Gewerbevereine Sins und Muri auf dem Erdhügel zwischen Dietwil und Oberrüti zusammen. Der Grund war nicht die herrliche Aussicht auf die Bergwelt, die sich dort bietet. Der Grund war der Erdhügel selbst – die Deponie Babilon.

Dietwils Gemeindeammann Pius Wiss, der seit Jahren ebenfalls als Repla-Präsident amtet, kennt die Geschichte der Deponie bestens. 2008seien die ersten Ideen entstanden.«Nachher galt es ganz viele ganz unterschiedliche Fragen zu beantworten. Uns als Gemeinderat war es wichtig, dass wir dabei die Führung hatten. Wir wollten nicht, dass die fünf Grundeigentümer gegeneinander ausgespielt werden», blickt Wiss zurück. Immer einfach sei der Weg von der ersten Idee bis zum ersten Lastwagen, der sauberes Aushubmaterial ablud, nicht gewesen. «Es galt ganz verschiedene Ansprüche zusammenzubringen, etwa auch, dass der Radweg nach Sins nicht niveau gleich gequert werden darf. Sonst hätten sich in der Bevölkerung keine Mehrheiten finden lassen.»

Viele falsche Vorstellungen
Und es galt sich für einen möglichen Betreiber zu entscheiden. «Weil die Deponie Freiamt AG schon in Beinwil gute Arbeit leistete, entschieden wir uns für sie.» Für die Gemeinde hingegen sei alles Neuland gewesen.«Uns ging es wie vielen. Auch wir hatten falsche Vorstellungen, vielleicht auch den Deponien geschuldet, wie es sie vor 50 Jahren gab, wo einfach der gesamte Abfall verschüttet wurde.» Entsprechend viel Informations- und Aufklärungsarbeit sei nötig gewesen. Und damit ist auch nach einigen Jahren des Betriebs nicht Schluss.«Wir sind froh, uns immer wieder zeigen zu können», sagt Dieter Greber von der Deponie Freiamt AG.2003 sei die Gesellschaft gegründet worden aus neun Firmen, die auf dem Markt eigentlich Mitbewerber sind, hier aber zusammenspannen. Zehn Jahre nahm die Planungsphase in Anspruch. Etwa musste eine Einspurstrecke bei der Kantonsstrasse realisiert werden, aber auch eine Pneuwaschanlage, Installationen für die Zufahrtskontrolle. Das sind nur wenige Beispiele. Seit 2019 wird die Deponie mit sauberem Aushubmaterial gefüllt. 16 Hektaren umfasst die Fläche, rund 1,4 Millionen Kubikmeter beträgt das Volumen. «Die Hälfte ist voll», sagt Greber.

Zu 99 Prozent sauberes Material
Toni Leu ist Deponiewart. Und er betont, dass hier nur sauberes Aushubmaterial angeliefert werden darf.«Das heisst, es müssen mindestens99 Gewichtsprozent sein», präzisierter. 99 Prozent des Gewichts müssen Stein, Erde oder Fels sein, ein Prozent dürfen beispielsweise Tonröhrchen sein. Neu würden alle 10 000Kubikmeter Feststoffproben entnommen und ausgewertet. «Bei Verschmutzung muss der Lieferant das Material wieder abholen», sagt Leu. Wie er wisse, woher welcher Dreck stamme? «Alle Lieferanten sind registriert, müssen die Baustelle angeben, bevor sie in die Deponie einfahren», erzählt Toni Leu. Kameras erfassen die Fahrzeuge digital, kontrollieren auch die Fracht. Beim Kippen kontrolliert der Deponiewart. Und eben, neu werden Proben genommen.«Die Dozzer sind mit GPS ausgestattet. Weil wir wissen, wann welches Aushubmaterial abgeladen und wohin verteilt wurde, können wir das genau nachvollziehen.»Leu spricht aber auch über ökologische Aspekte. Zum Beispiel darüber, dass der Ober- und Unterboden abgetragen wird, bevor eine Fläche aufgefüllt wird. «Bei der Rekultivierung kommt dies wieder obendrauf, damit die Landwirtschaftsfläche wieder kultivierbar ist.» Wobei dies in den ersten fünf Jahren nur eingeschränkt möglich sei. «Grünland ist möglich, düngen oder ackern nicht», sagt Leu. Nach fünf Jahren folge eine Schlusskontrolle und nachher sei die Fläche wieder wie jede andere.

112 000 Fuhren
Aber die Deponie hinterlässt die Fläche nicht nur so, wie sie war, einfach überall einige Meter höher. Es sei Pflicht, 15 Prozent ökologische Ausgleichsfläche zu schaffen. Bäche werden beispielsweise offengelegt, naturnahe Flächen angepflanzt. Dennoch weiss Leu, dass eine solche Deponie auch Emissionen verursache. 112 000 Lastwagenfuhren kommen über die gesamte Betriebsdauer zusammen. Die offenen Flächen sorgen dafür, dass bei Starkregen weniger Wasser absorbiert wird. «Dafür haben wir ein Absetzbecken gemacht, wo die Feinanteile sich setzen können, damit dieses Wasser nicht direkt ins Netz eingeleitet wird.» Und auch gegen Neophyten, die in naturnahen Gebieten wachsen, kämpft die Deponie Freiamt AG an.
«Mehr als das Kippen von Dreck», so fasst es Pius Wiss zusammen. Vielmehr, das zeigte der Besuch eindeutig. Und die Aussicht in die Innerschweizer Berge kommt als Pluspunkt hinzu.

Sie lebt ein Stück weit weiter

Die Fondation Emmy Ineichen schenkt der Pflegi einen neuen Brunnen
30 Jahre sind mittlerweile vergangen, seit die Murianerin Emmy Ineichen verstorben ist. Ihre Liebe zur Kultur und zu ihrem Heimatort Muri lebt aber weiterhin, dank der Fondation. Dank ihr darf sich die Pflegi über einen neuen Brunnen freuen. Und die Fondation wird dadurch gegen aussen sichtbar.

«Weil es schön ist.» Franz Hold, Präsident des Vereins Pflegi Muri, antwortet direkt und pragmatisch. Darumstehe im Garten der Pflegi seit Dienstag ein neuer Brunnen. «Eine Attraktion mehr», fügt er an. Ein Argument mehr, um die Murianer Bevölkerung in den Pflegigarten zu holen.«Das wünschen wir uns, dass dieser Ort noch belebter ist», sagt Hold. «Umso mehr Leute hierherkommen, umso mehr verschwindet die Angst.» Immer noch sei die Pflegi in vielen Köpfen als Anstalt abgespeichert.«Aber wir sind ein moderner Betrieb. Davon lässt sich überzeugen, wer zu uns kommt, aber einige haben Hemmungen.» Diese Erfahrungen macht er immer wieder. Zudem glaubt Hold, dass viele Leute meinen, der Pflegigarten sei nicht öffentlich.«Aber er ist es. Kinder, die Fussballspielen, junge Leute, die plaudern, ältere,die spazieren. Alle sind hier willkommen und stören nicht, im Gegenteil. »Franz Hold nutzt die Gelegenheit, sagt, wie man sich in der Pflegi über Besuch freue, nur schon im Garten. Monika Käch erzählt, wie sie früher im Pflegigarten Kindergeburtstage feierte und mit ihren Kindern schlittelte. Martin Allemann berichtet, dass er den Weg zum Bahnhof immer durch den Pflegigarten wähle. Beide sind Mitglieder des Stiftungsrates der Fondation Emmy Ineichen und damit ein Grund, weshalb es für den so gewünschten Besuch eine neue Attraktion gibt – einen Brunnen, samt grosser Sitzbank.

«Des Bundes Hauptstädtchen»

30 Jahre ist es her, dass Emmy Ineichen verstorben ist. In Muri aufgewachsen, war sie vor allem in Bern eine schillernde Persönlichkeit. Die Stiftungsratsmitglieder um Präsident Roger Seiler erzählen von einem bewegten Leben in der Berner Politik und Diplomatenwelt. «Sie organisierte Feiern und lud viele Leute aus aller Welt zu sich ein», weiss Roger Seiler. Viel über das Leben der 1911 als Emma Ineichen geborenen Frau ist aber nicht bekannt, auch nicht, nachdem sich der Stiftungsrat dereinst auf Spurensuche machte. Ineichen warverheiratet, blieb kinderlos, die Ehe wurde geschieden. Ihre grosse Vorliebe galt der Musik und den Sprachen. Als Philanthropin, als Menschenfreundin, wird sie beschrieben und als Frau, die im fortgeschrittenen Alter die Liebe zu ihrer Heimat Muri wiederentdeckte. In Briefen an den damaligen Gemeindeammann Marco Hauser und späteren Gründungspräsidenten und langjährigen Präsidenten der Fondation schreibt sie: «Des Bundes Hauptstädtchen Bern bietet schon immer sehr viel, doch mein Geburtsort Muri zieht mich immer mehr an.» Sie kündigte zudem ihr grosses Engagement an: «So hoffe auch ich, dem heute so berühmten und schönen Muri dienlich sein zu können.» Und das tat Emmy Ineichen. Sie schenkte der heutigen Stiftung Murikultur ein Bild von Caspar Wolf, zahlte20 000 Franken an die Herstellung von zwei tragbaren Orgeln für die Klosterkirche. Es sind zwei Beispiele von vielen. Mehrere Mitglieder des Stiftungsrates kannten sie persönlich, wissen um ihre Grosszügigkeit und ihre Begeisterung dafür, was in Muri kulturell geboten wurde. «Ihr Erbe führen wir weiter», sagt Stiftungsratspräsident Roger Seiler.

15 Vergabungen pro Jahr

Die Fondation Emmy Ineichen setzt jährlich 50 000 bis 60 000 Franken für rund 15 Vergabungen ein. Und das seit 30 Jahren. Unterstützt werden Kirchenmusik, Kultur im Allgemeinen, aber auch politische Bildung. Das Geld kommt vor allem von zwei Mehrfamilienhäusern, die Emmy Ineichen der Stiftung vererbte. Seit vielen Jahren sind diese verkauft und die Stiftung hat das Geld in einer Bank angelegt. Roger Seiler erzählt: «Wir überlegten uns im Stiftungsrat, was wir im Zuge des Jubiläums machen wollen.» Caspar-Wolf-Bilder an Murikultur verschenken war eine Idee, ein grosses Fest organisieren eine andere. «Es sollte etwas für die Bevölkerung sein und etwas, das bleibt», sagt Roger Seiler. Die zündendeIdee kam von Paul Trost, der viele Jahre im Stiftungsrat mitwirkte. Die Idee mit dem Brunnen in der Pflegi. Franz Hold, Präsident des Vereins Pflegi Muri, erklärt, wie der Wunsch des Brunnes zustande kam, etwa über die kulturhistorische Verbindung von Klöstern und Brunnen – im Fürstabtgarten gab es frühe drei davon. Und er weiss, dass an diesem Ort dereinst gar eine Grotte mit Wasserfall vorgesehen war. Nur, den Blick aus dem Mittelrisalit – der Mitte der Klosterfassade – zu verbauen, das wäre nicht möglich gewesen. «Das hätte die Denkmalpflege wohl kaum bewilligt, auch wenn wir immer auf offene Ohren stossen und praktisch immer einen Weg finden», weiss Hold. Mit der Anlegung des neuen Demenzgartens und dem Rückbau des Roth-Haus-Provisoriums suchte die Pflegi den Austausch mit einem Landschaftsarchitekten. Und dabei kam die Idee des Brunnens zustande.

«Murianer, kommt!»
Seit Dienstag läuft das Wasser, die Messingtafel ist montiert, das Becken aus Muschelkalk ebenso. «Es passt einfach bestens hierher», schwärmt Franz Hold. Er spricht von einer grossenFreude, drückt diese auch aus und sagt: «Murianerinnen und Murianer, kommt!» Zudem erfülle der Brunnen auch seinen Zweck der Abkühlung.«Die Unterarme passen rein.» Vielleicht passten am Spielenachmittag der Ludothek auch ganze Kinder rein. Hold würde es sich wünschen. Dass dieser Ort belebt ist, das hofft auch der Stiftungsrat der Fondation Emmy Ineichen. «Wir wollen zeigen, dass es uns gibt, dass es Emmy Ineichen gab und dass sie eine Murianerin war und ist», sagt Roger Seiler.

Ein Blick in die Zukunft

Vom Fahrzeugschlosser bis zur Betreuung – an den Berufserkundungstagen «Berufe Muri+» hat es für jeden etwas dabei.

Aktuell beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler der zweiten Oberstufe mit der Berufswahl. Praktischen Einblick gewährt ihnen das Projekt «Berufe Muri+» in diesem Jahr in 59 Berufe
Es ist laut in der grossen Halle A der Notterkran AG in Boswil. Grosse Lastwagenfahren hier ein und aus. Während bei den ersten zwei Spuren Reparaturen getätigt werden, gilt es im hinteren Bereich der Halle, vorgefertigte Teile auf den Militärfahrzeugen anzubringen. Es wird geschraubt, gehämmert und geschweisst – vielfältig sind die Arbeiten, die hier getätigt werden. Das sehen auch die fünf Jugendlichen, die von Beat Näf und Jonas Harm durch den Betrieb geführt werden. Was dieser genau macht und wieder Beruf im Alltag aussieht, lernen die Achtklässler an diesem Morgen im Rahmen der «Berufe Muri+» kennen.

Bild von Beruf konkretisieren
Während zwei Tagen können die265 Schülerinnen und Schüler in87 Firmen und 59 Berufe schauen. Dies soll ihnen helfen, sich bei der Berufsfindung besser kennenzulernen. So auch der 13-jährige Silas Schwarzenberge rund der 14-jährige Reto Huber aus Mühlau. Nach einer Einführung in den Betrieb und einem Rundgang gilt es für die beiden ernst. Während sich ein Teil der Gruppe am Führen des Probekrans testet, werden im Gebäude selber nun Teile zusammengeschweisst. Unter den Augen und mit Hilfe von Beat Näf schweissen die beiden Achtklässler verschiedene Teile zusammen, dient weder ein Namensschild oder einen Stifthalter geben, der nach Hause genommen werden kann. «Ich wusste nicht, was ein Fahrzeugschlosser ist. Der Name hat sich interessant angehört, darum bin ich hier», erklärt Silas Schwarzenberger.«Ich hatte ein komplett anderes Bild vom Beruf. Aber ich finde die Arbeit sehr cool.» Dem stimmt Kollege Reto zu. Auch er könne sich nun etwas unter dem Beruf vorstellen.
«Ich dachte, es ginge nur um das Herstellen von Schlössern für Fahrzeuge. Da die Arbeit viel vielfältiger ist, könnte ich mir das gut vorstellen, später einmal so einen Beruf zu machen.» Genau hier setzt «Berufe Muri+» an: Es soll Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit bieten, im Rahmen des Fachs «Berufliche Orientierung»auch hautnah zu erleben, was in der Arbeitswelt praktisch alles passiert.«Oft kommt es vor, dass die Jugendlichen eine falsche Idee von einem Beruf haben», weiss Beat Huber. Der Realschullehrer aus Muri ist im Projekt nebst Lukas Bättig vom Gewerbeverband und Adrian Bucher vom Industrieverband Organisator der Berufserkundungstage.«Meist ist dieser Anlass der erste konkrete Kontakt mit der Berufswelt. Und der ist ungemein wichtig für den Entscheidungsprozess.»

Junge Berufe haben Plattform
Das trifft an diesem Nachmittag einige wenige Meter weiter in der Boswiler Industrie auch für andere fünf Achtklässlerinnen und Achtklässler zu. Sie informieren sich in der ITS Kanal Services AG darüber, was ein Entwässerungstechnologe genau macht. Schnell stellt sich an der gemeinsamen Vorstellungsrunde heraus dass allen der Beruf unbekannt ist. Das verwundert nicht – schliesslich gibt es den Beruf erst seit acht Jahren, wie Ausbildungsverantwortliche Hanna Hosemann erklärt. Für Jonas Locher, der in Muri die Sek 2b besucht, war der Besuch definitiv ein Mehrwert: «Ich dachte, es geht hier nur um die Kanalisation. Dabeiist man als Entwässerungstechnologe auch bei Naturkatastrophen oder bei Problemen im Haushalt unterwegs.» Auch Beat Huber, dessen Schülerinnen und Schüler während der Berufserkundungstage teilweise sechs Berufe besuchen, wird an diesen zwei Tagen unterwegs sein. «Die Berufslandschaft verändert sich stetig. Auch ich als Lehrer kenne nicht alle Berufe.» Deshalb seien auch für ihn diese Tage immer wieder interessant.

Bedürfnis nach professionellen Mitarbeitern ist gross
Nebst dem Einblick in den praktischen Berufsalltag wird den Schülerinnen und Schülern in den Betrieben auch die Möglichkeit geboten, Fragen rund um die Ausbildung und das Bewerbungsverfahren zu stellen. So kann es in gewissen Berufen entscheidend sein, welche persönlichen Eigenschaften man mitbringen muss, etwa bei einem Job in der Pflege oder der Betreuung. Dass dieses Berufsfeld auf grosses Interesse stösst, merkte auch die Institution Roth-Haus in Muri. Gleich 10 Schülerinnen und Schüler haben sich für eine Besichtigung angemeldet, um den Beruf als Fachperson Betreuung mit Fachrichtung Menschen mit Beeinträchtigung kennenzulernen. Nebst Berufsbildnerin Eliane Nogara begrüssen auch die ehemalige Lernende PaulaIten und die 3.-Lehrjahr-Lernende Julienne Abächerli die Gruppe. «Man muss definitiv Empathie sowie gute Kommunikationsfähigkeiten haben und sicher offen sein für Menschen, die anders sind», erklärt Abächerli den Schülerinnen und Schülern. Der Beruf bringe viele schöne Momente, aber auch Herausforderungen mit sich. «Dessen muss man sich bewusst sein.» Nach Übungen, in welchen sich die Schülerinnen und Schüler in die Rolle des Klienten versetzen sollten, dem Besuch der Wohngruppe und der Arbeitsplätze der betreuten Tagesstruktur haben Lenia Greter und ihre Kollegin Erisa Rexhepi konkretere Vorstellungen von den unterschiedlichen Berufen im Betreuungs- und Gesundheitswesen. «Es hat uns tatsächlich sehr geholfen und die Berufserkundungstage sind wertvoll», so Erisa Rexhepi. Und für Schülerin Livia Scherer hat der Einblick an diesem Tag noch ein unerwartetes Ende: Sie fragt Eliane Nogara, wie sie sich für ein Praktikum bewerben kann.«Der Tag im Roth-Haus hat mir die Motivation gegeben, danach zu fragen. Es hat mir sehr gut gefallen.» Für die Institution Roth-Haus ist der Besuch der Schülerinnen und Schüler im Rahmen von «Berufe Muri+» eine Premiere. Eliane Nogara ist positiv überrascht, wie viele Jugendliche sich für die Besichtigung angemeldet haben. Für sie ist es ein sinnvolles Projekt, das einen Mehrwert bringe: «Das Bedürfnis nach professionellen Mitarbeitenden ist gross, auch bei uns. Und potenziellen Lernenden vorab den Beruf zu zeigen, sie in der Institution herumzuführen, ist sicherlich ein guter Weg.»

Das Leben ist ein Schulhaus

34 Lehrabgänger und Lehrabgängerinnen wurden in festlichem Rahmen für ihre grossen Leistungen geehrt. Als Gastredner durfte in diesem Jahr Janick Steinmann, Sportchef des Hockeyclubs HC Rapperswil
Lakers, begrüsst werden.

Bereits zum zehnten Mal führte der Gewerbeverein Muri und Umgebung den «Lehrlings-Award» durch. «Es freut uns sehr, dass sich auch dieses Jahr wieder so viele Lehrabsolventen mit ihren Begleitpersonen angemeldet haben», begrüsste Urs Beyeler, Präsident Gewerbeverein Muri und Umgebung, die Gäste im Festsaal. Hauptpersonen an diesem Abend waren die 34 ehemaligen Lernenden, die in diesem Jahr die Abschlussprüfung erfolgreich bestanden hatten. «Ich denke, Sie alle sind stolz und glücklich, diese Hürde gemeistert zu haben », sagte Beyeler. Die Lehrabgänger hätten in den letzten Monaten Grosses geleistet, seien auf dem Weg des Lebens einen grossen Schritt weitergekommen. «Für mich ist es immer wieder spannend, zu sehen, was für eine Entwicklung die jungen Menschen in diesen vier Jahren durchmachen », so Beyeler weiter. Der Lehrlings-Award solle daran erinnern, wie bedeutend es ist, jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Talente zu entfalten und sich weiterzuentwickeln.

Spass ist das Wichtigste
Über Talente sprach auch Gastredner Janick Steinmann. Er ist wohnhaft in Muri und seit 2019 Sportchef beim erfolgreichen Hockeyclub HC Rapperswil Lakers. Seine Hockeykarriere begann er in Zug. Nach der klassischen Juniorenausbildung kam er direkt in die erste Mannschaft des EVZ. Danach hat er den Weg nach Kanada gesucht, um sich weiterzuentwickeln. Dort spielte er eine ganze Saison in der besten Junioren- Liga der Welt. Seine Karriere beendete er 2015 mit 28 Jahren. Mehrere Hirnerschütterungen zwangen ihn zum Aufhören. Steinmann ist ein Eishockey-Verrückter im positiven Sinn. Er kennt keinen Stillstand und möchte sich stets verbessern. «Als ich 2019 zu den Lakers kam, war der Club klein. Ich musste mir etwas einfallen lassen, um mit den Grossen mithalten zu können.» Beim Geld habe man nicht mithalten können, also investierte man in die Talente, den Nachwuchs, in den Sport. «Eine andere Chance hatten wir nicht.» Talent zu haben, sei wichtig, noch wichtiger aber sei der Spass an der Sache. «Egal, in welche Richtung ihr euch entwickelt, das, was ihr macht, muss Spass machen. Ansonsten ist das Ganze früher oder später zum Scheitern verurteilt», appellierte er an die Lehrabgänger. Er selbst glaube an die «10 000-Regel », die besagt, alles, was man mindestens 10 000 Stunden im Leben macht, darin wird man gut werden. Um etwas aber 10 000 Stunden immer wieder zu machen, sei der Spass unabdingbar. Auch Lernhunger sei wichtig. «Alles entwickelt sich weiter. Daher müssen auch wir uns fortbilden. »

Gut ausgebildeter Nachwuchs ist wichtig
In der Arbeitswelt sei man ebenfalls auf engagierte und innovative Leute angewiesen, sagte Urs Beyeler. Die Lehrabgänger seien nun bereit, die Welt zu erobern. Das Werkzeug dazu hätten sie mit dem Lehrabschluss in der Hand. «Sie verfügen über einen Rucksack an Wissen und sind jetzt an der Stelle, wo dieses Wissen weitergegeben werden kann oder man sich selbst weiterbilden kann.» Urs Widmer, Präsident des Aargauischen Gewerbeverbands, richtete ebenfalls das Wort an die Absolventen. «Sie haben Ihre Lehrjahre erfolgreich durch Fleiss und Engagement gemeistert und somit die Voraussetzungen für eine gute Zukunft geschaffen.» Auch die Lehrmeister hätten dadurch, dass sie Ausbildungsplätze anbieten, in die Zukunft investiert. «Wir brauchen gut ausgebildeten Nachwuchs», strich er heraus. Deshalb müsse auch die Politik mehr Interesse an der Berufsbildung zeigen, kritisierte er. Bessere Rahmenbedingungen müssten geschaffen werden und die notwendigen Mittel und Ressourcen müssten gesprochen werden. «Gerade in Anbetracht des Fachkräftemangels ist es wichtig, in den Nachwuchs zu investieren», betonte Widmer. «Mit der Lehrabschlussprüfung ist ein grosses Ziel geschafft, aber stete Veränderungen und Innovationen bedingen, dass man am Ball bleiben muss, das Leben ist ja bekanntlich ein Schulhaus», sagte Urs Beyeler. Ob man im Beruf am Ball bleibe, sich weiterbilde oder vielleicht doch noch etwas ganz anderes mache, die Chancen seien vielseitiger als je zuvor. «Gehen Sie mit offenen Augen durch das Leben und nutzen Sie diese Chancen.

Das Freilichttheater «Amerika»

Ganz tiefe Einblicke

Das Freilichttheater «Amerika» taucht ein in Geschichten und in die Geschichte.

So oder ähnlich wars. Damals 1854, als die Zeiten auch im Freiamt schlecht waren. Viele gingen oder mussten gehen. «Amerika» nimmt ihre Geschichte auf, mit viel Respekt, aber hie und da auch mit einem Augenzwinkern. Es ist ein berührender Abend, den das Premierenpublikum erlebte. 17 weitere solcher werden folgen.

Der kleine Franz zeichnet mit dem Stein einen Kreis auf den Boden. «Hier in der Mitte ist Muri. Chli ue, chli öbere, dann sind wir am Meer. Und dann kommt Amerika.» Richtung Wohlen und Aarau. «Dann ist man schon fast dort.» Es ist eine der Szenen, die bleiben. Wo ist Amerika? Die Kinder beantworten diese Frage mit viel Leichtigkeit. Überhaupt sind ihre Auftritte erfrischend, bereichernd. Wann sie wieder nach Hause kommen? «Der Vater meinte am Sankt-Nimmerleins-Tag. Wann das ist? Ich glaube an Weihnachten.» Sie wirbeln quer durch die Bühne, hetzen hintereinander her, rennen vor dem «Gülle-Toni» davon. Und sie halten einander und ihre Mutter an den Händen, tragen später zu zweit einen Koffer. Dann, wenn ihre Reise nach Amerika losgeht. Die Kinder, sie bringen noch mehr Emotionen in «Amerika ».

Emotionen, von denen es in der Freiämter Auswanderergeschichte ohnehin schon ganz viele hat. Es sind vor allem die Schicksale, die diese auslösen. Jenes von Katharina Etterlin zum Beispiel, die drei uneheliche Kinder hat und das vierte unter dem Herzen trägt. Vom Sittengericht, bestehend aus den Gemeindeammännern von Geltwil, Buttwil, Muri und Wallenschwil, muss sie sich als Luder bezeichnen lassen, als eine, die jeden Mann verführt. Einer der Richter klemmt die Einvernahme plötzlich ab, als es darum geht, wer denn diesmal der Kindsvater sei. «Feigling», beschimpft ihn Katharina später. Das Urteil: Sie muss auswandern, samt ihren drei kleinen Knöpfen.

Viele Fragen an den Rückkehrer

Oder die Geschichte von Josef Stöckli, der vor zehn Jahren im weiten Amerika sein Glück suchte. Dass er, der Mittellose, die Tochter des Gemeindeammanns heiraten könne, war sowieso unmöglich. Stattdessen ging er, half dem Unteragenten der Auswandereragentur, mit falschen Geschichten aus dem gelobten Land die Leute aus dem Dorf zum Auswandern zu bewegen. Doch die Sehnsucht quälte ihn. Darum kehrte er als Joe zurück, als vermeintlich gemachter Mann. Ihn löchern die Leute mit Fragen. Welches Handwerk ist am erfolgversprechendsten? Glauben sie dort auch an Gott? Am Ende an denselben? Darf der Hund auch mitkommen?
Und es sind die Geschichten jener, die am Ende gehen, weil das Schicksal ihnen zu oft übel mitgespielt hat, weil der Druck im Dorf zu gross ist. «Manchmal frage ich mich schon, was der liebe Gott den lieben langen Tag macht», meint Vit Villiger und unterschreibt den Vertrag. «Schlimmer als hier kann es dort drüben nicht sein.»

Schnaps ausschenken, Verträge aufsetzen

Emotionen löst vor allem auch Lonzi Müller aus. Der Unteragent. Derjenige, der an jeder einzelnen Auswanderung verdient. Derjenige, der hofft, dass möglichst viele gehen und möglichst niemand retourkommt, um zu erzählen, dass das gelobte Land vielleicht doch nicht so gelobt ist. Er lockt mit Sätzen wie: «Je früher du dort bist, desto schneller wirst du reich.» Oder er hilft ein wenig nach, dass die Aspiranten in seiner Beiz vielleicht den einen oder anderen Schnaps zu viel trinken, was ihre Bedenken verschwinden lässt. «Die Welt wird nicht besser, wenn es mir schlechter geht.» Lonzi wendet sich direkt ans Publikum: «Luegid doch ned so blöd.» Wenn er es nicht tue, tue es ein anderer.
 «Amerika» gewährt Einblick in das Leben einer ganzen Dorfgemeinschaft. Liebe, Missgunst, Freundschaft, Selbstmitleid – alle möglichen Gefühlsregungen werden abgeholt. Die Waschweiber tratschen, um nachher nonnenhaft hintereinander her zu traben und den Rosenkranz zu beten. Die Schneiderin versucht, bei allen in gutem Licht dazustehen. «Als Fremde kann ich mir überhaupt nichts erlauben », sagt sie, die aus Zug kommt. Der «Muser» beobachtet viel, realisiert wenig und ist der Einzige, der freiwillig nach Amerika will, aber nicht gehen darf. Er will wissen, wer Sodom und Gomorrha sind. Die Antwort: Auswärtige.

Mit Hochzeitskleidern in der Zwischenwelt

«Amerika» sind ganz viele Geschichten, die zu einer werden und damit einen beklemmenden, berührenden Einblick in die Geschichte des Freiamts ermöglichen. Die Kostüme, das Licht, das manchmal Lonzis Schatten über die gesamte Bühne verteilt, die Kulisse, die Livemusik. Die Frauen in Hochzeitskleidern, die die Zwischenwelt symbolisieren, die mal tanzen, sich mal roboterartig bewegen, mal schleichen und immer zeigen, dass da eben noch mehr ist. Und es sind die grossen Choreografien. Dann, wenn das ganze Ensemble auf die Bühne kommt, mit glitzernden Pompons in der Hand. «Wotsch mol gnueg z ässe ha, deför kei Cholera? Wotsch es guets Läbe ha? Chom of Amerika.»
 «Amerika» ist Unterhaltung, «Amerika » ist aber auch Tiefgang. «Amerika » ist Historie, aber «Amerika» ist auch Fiktion. Und «Amerika» gibt Einblick in das wunderbare und vielseitige Repertoire an Freiämter Fluchwörtern: Plagööri, Halongg, Broisivogel. Tickets: amerika.theater

Autokino Muri

Da konnte sie nur Ja sagen

Zwei schöne und ein verregneter Abend am Autokino – das Highlight war ein Heiratsantrag

Bei allen knapp 200_Fahrzeugen ertönt die Hupe. Soeben findet in einem der Fahrzeuge ein Heiratsantrag statt. «So etwas gab es noch nie», sagt OK-Präsident Cyrill Räber. Er blickt auf ein erfolgreiches Autokino zurück. «Und das Wichtigste: Sie hat Ja gesagt.»

Wirklich weit kommt Andreas Bitterli lange nicht. Er bewegt sich im Ein-Meter-Radius rund um seinen Panther J72. «Eines meiner vier Bijous », wie er so schön sagt. Ist das Gespräch mit einem Autoliebhaber fertig, kommt der oder die Nächste und stellt Fragen. «Es ist ein Nachbau des Jaguar 100SS, Jahrgang 1973.» Wie oft er dies an diesem Abend erklärt, kann Andreas Bitterli wohl nicht zählen. Wobei, ganz viele Besucherinnen und Besucher des Autokinos kennen sich mit alten Fahrzeugen aus, stellen keine solchen Fragen, gehen mehr ins Detail. Andreas Bitterlis Panther J72 ist eines von knapp 200_ Autos am Freitagabend am Autokino. «Ich war gestern schon da, mit einem anderen Auto», erklärt er. Einem anderen seiner vier Bijous. Von klein auf hätten ihn solche Autos fasziniert. Sein Grossvater kaufte 1926 das erste Auto. «Als noch längst nicht alle ein Auto hatten», weiss Bitterli. Mit seinen Oldtimern ist er auch im Alltag gerne und oft unterwegs. «Schliesslich sind sie zum Brauchen da», findet er. Es ist das Lebensgefühl, das ihn überkommt, wenn er mit solchen Fahrzeugen unterwegs ist. Selber daran schrauben, das macht er ebenfalls gerne. «Diesen Panther habe ich aber vorgeführt gekauft », gesteht er.

Salontisch im Kofferraum

Lebensgefühl und Atmosphäre, das fasziniert Andreas Bitterli auch am Autokino in Muri. «Ich war vor x_Jahren schon einmal da und bin nun per Zufall wieder darauf gestossen.» Er vergleicht es mit einem Treffen Gleichgesinnter, Oldtimer-Begeisterter. «Hier trifft man viele interessante Leute, das gefällt mir.» Der Film sei sekundär. «Ich schaue ihn mir an, aber nur deswegen bin ich nicht da.»

Legendäre Burger

So wie Andreas Bitterli geht es ganz vielen. Das Autokino ist längst ein gesellschaftlicher Anlass geworden, auch wenn sich die Organisatoren noch so viel Mühe geben, gute und für die Stimmung und die Interessen passende Filme auszuwählen. Bei den meisten zählen die Stunden vor Filmbeginn nicht weniger als jene nachher. Dann, wenn ganz viele Leute quer durch die aufgereihten Wagen gehen, vor allem vor den Oldtimern stehen bleiben, staunen, Fragen stellen, Fotos schiessen. Oder dann, wenn sie in die legendären Burger beissen, eine Glace geniessen und sich an den Tischen austauschen. Oder dann, wenn sie sich auf oder vor ihrem Auto einrichten, ein Raclette kochen, Spiele spielen. Und wer kurz vor Filmbeginn durch die Reihen schlendert, sieht Leute, die es sich auf der Ladefläche ihres Pick-ups gemütlich machten oder die einen Salontisch im Kofferraum aufstellten, damit Bier und Chips Platz haben.

Vor fünf Jahren im Autokino kennengelernt

Es sind solche Geschichten, solche Begegnungen, die das Autokino für OK-Präsident Cyrill Räber ausmachen. Und heuer kam ein ganz spezieller dazu. Am Freitag vor dem offiziellen Film flimmerte ein kurzer Spot über die riesige Leinwand. Einer, den das OK zugespielt bekam von jemandem, der hier vor fünf Jahren seine Freundin kennenlernte. «Willst du mich heiraten, Sarah?», steht am Ende dieses Filmes und die Besucherinnen und Besucher werden gebeten, zur Unterstützung zu hupen. «Das ist einmalig, so etwas gab es noch nie», sagt Räber. Und ganz wichtig: «Sie hat Ja gesagt.» Schöne Autos, drei grosse Busse, die gar von Donnerstag bis Sonntag auf Platz waren, zufriedene Gäste, motivierte Helferinnen und Helfer. Ganz allgemein zieht der OK-Präsident ein positives Fazit. «Nur das Wetter hätte am Samstag auch noch mitmachen können. Vom anhaltenden Regen am Nachmittag liessen sich viele abhalten», sagt er. Und auch der kurzzeitige Streik des Blue- Ray-Players am Freitagabend konnte innert kurzer Zeit behoben werden.

Seit zehn Jahren immer wieder dabei

Das Autokino gefiel den Organisatoren, aber auch den Teilnehmenden. Wie viele andere sind Samira Amrein und Alex Achermann auch mehrere Abende da. «Seit zehn Jahren immer wieder», sagt Achermann, der gebürtige Urner, der als Wochenaufenthalter in Boswil lebt und in der Region arbeitet. Er ist mit einem auffälligen, gelben 57er-Chevi Caprice Combi vor Ort. «Für den 62er-Ford war es zu nass», sagt er. Der gelbe Oldtimer ist sein Alltagsauto. «Ich habe die Begeisterung dafür von meinem Grossvater geerbt. Gleich mit 18_ Jahren kaufte ich den ersten Oldtimer», sagt er. Und er schraubt auch gerne daran herum. «Der Motor erlebte heute die Jungfernfahrt», sagt er und lacht.

Ein Ort mit ganz viel Magie

Seit 70Jahren gibt es das Künstlerhaus in Boswil – Stefan Hegi hat viele Jahre mitgeprägt.

Er hat den Bau des Foyers und den Umbau des Sigristenhauses zum jetzigen Künstlerhaus begleitet. Seit 1997 ist er Teil des Stiftungsrats, seit 2021 ist Stefan Hegi dessen Präsident. Immer wieder hinterfragt er Entwicklungen kritisch, sagt aber: «Das Künstlerhaus ist für mich lebensbegleitende Selbstverständlichkeit.

Es ist für ihn ein Ort, wo er gerne hingeht. Ein Ort, wo er gerne arbeitet. Stefan Hegi beschreibt das Künstlerhaus und den Ort rund um die Alte Kirche in Boswil als magisch, als fast klosterhaft. «Ich war dafür, dass aus diesem Ort ein Ort der Stille wird», sagt er. Fast 20 Jahre sind seit der Diskussion um die Fokussierung der Institution vergangen. «Ort der Musik » heisst es seither. «Stille ist die Quelle für einen solchen Ort.» Stefan Hegi lacht. «Das klingt pathetisch, ist aber so.» Es ist ein Beispiel dafür, dass er sich gewissen Plänen und Projekten rund um die Institutionen auch kritisch gegenüberstellt. «Auseinandersetzung ist nicht unwichtig», findet er. Auch darum sei der aktuelle Stiftungsrat ein gutes Team. «Wir können intensiv diskutieren und am Schluss sind wir einer Meinung.» Und Hegi ist einer, der sich von Meinungen und Ideen anderer begeistern lässt. «Ist ein Entscheid gefällt, dann bin ich Feuer und Flamme dafür», sagt er. So war es beispielsweise auch, als der Kanton Aargau der Stiftung das Sigristenhaus schenkte. «Immer begeistert war ich nicht.» Er sei der Überzeugung gewesen, dass sich die Institution eher der Musik widmen soll als dem Renovieren eines denkmalgeschützten Hauses. «Vielleicht auch, weil ich wusste, was dieses Projekt alles beinhaltet.»

13 Jahre für ein Projekt
Denn der Sarmenstorfer ist Architekt. Dass er dieses für die Institution riesige Bauprojekt hautnah begleitete, lag darum auf der Hand. «Es waren intensive Jahre», sagt Hegi. Und davon gleich 13 an der Zahl, von der Übergabe des damaligen Sigristenhauses bis zur Einweihung des heutigen Künstlerhauses. Ideensammlung, Workshops, Vor- und Machbarkeitsstudie, Konkretisierung des Projekts, Realisierung – Hegi hat alles begleitet. «Diese 13 Jahre haben Spass gemacht», sagt er aus der Retrospektive. Sich für die Institution einsetzen, interessante Leute kennenlernen, das gefiel ihm. «Aber gerade auf der Sachebene war es nicht immer einfach», gibt er zu. Was er heute verspürt, wenn er vor dem Künstlerhaus steht? «Grosse Freude. Ich halte mich gerne in den Räumen auf und es freut mich, dass es so vielen Leuten gefällt.» Einfach schön sei es. Gleich beschreibt Hegi das Sommernachtsfest vor rund 30 Jahren. Es ist die erste Erinnerung, die Hegi mit dem Künstlerhaus verbindet. «Es war wie ein Familienfest. Künstler, Besucher, Zugewandte, bunt gemischt», erinnert er sich. Wer auftritt, wer zuhört, das habe man nicht gemerkt. Hegi erinnert sich an einen schönen, gemütlichen, lustigen und langen Abend, dies auch bei einem Theaterkurs, den er ebenfalls vor rund 30 Jahren am Künstlerhaus besuchte. Von der Magie des Ortes war er schnell gefangen. Auch darum sagte er Ja, als er 1997 für den Stiftungsrat angefragt wurde. «Aus Freude an Kulturtätigkeiten und weil ich mich an diesem Ort einbringen wollte, sagte ich zu.» Zu organisieren, mitzumachen, für Hegi ist das Lebensinhalt.

Bauprojekte gaben Schub
Die Sanierung des jetzigen Gästehauses war damals abgeschlossen. Die ersten Jahre im Stiftungsrat waren baulich eher ruhig. Genau eine solche Phase herrscht jetzt wieder. Die Grossprojekte sind abgeschlossen. «Schon das Foyer gab der Institution Schub, das neue Künstlerhaus ebenso », sagt Hegi. Ein Zentrum, ein Haus, in dem ganz vieles passiere. Nicht nur intern habe dies viel verändert, auch in der Wahrnehmung gegen aussen. «Das hilft und gibt ein gutes Gefühl.» Ursprünglich war das heutige Künstlerhaus ein Heim für Künstler. Im Laufe der Geschichte war es eine Werkstatt, ein Atelier, mittlerweile ein «Ort der Musik». Einer, der noch mehr belebt werden soll. Mit Konzerten, mit Veranstaltungen, aber auch mit Vermietungen – der Räume und der neuen Zimmer. «Das bringt noch mehr Begegnungen, ist aber auch wirtschaftlich nötig», betont der Stiftungsratspräsident. Es ist ein Bereich davon, dass sich das Künstlerhaus auf die Menschen konzentrieren, Begegnungen und Erlebnisse ermöglichen will. «Mehr als ein Konzert, nach dem alle wieder nach Hause gehen. » Über Generationen hinweg die Verbindungen fördern. «Das ist unsere Stärke, unsere Qualität. Darauf müssen wir noch mehr setzen», ist Hegi überzeugt.

Nicht nur einfache Zeiten
Denn einfach ist es für Institutionen wie das Künstlerhaus Boswil nicht. Die Konkurrenz ist gross, etwa auch auf digitaler Ebene. Der Stiftungsratspräsident ist überzeugt: «Wir haben die Räume, die Bauten, die Musiker vor Ort. Unsere Örtlichkeit, die Magie hier, das ist unser grosses Potenzial, nach wie vor.» 26 Jahre lang arbeitet Stefan Hegi schon im Stiftungsrat des Künstlerhauses mit. Die zwei Bauprojekte prägen die Zeit auf der einen, die Unruhen in den letzten Jahren auf der anderen Seite. Vor allem auch, weil Hegi seit 2021 Präsident des Stiftungsrats ist. «Es war damals ein pragmatisches Ja», sagt er. Vorausgegangen war der Abschied von Gesch.ftsführer Michael Schneider nach 13 Jahren und das nur kurze Engagement seines Nachfolgers. «Dass nach einer gewissen Zeit die Gesch.ftsführung wechselt, schadet einer kulturellen Institution nicht», ist Hegi überzeugt. Neue Ideen, neue Gedanken, neue Geister. Nur rumorte es in der Folge intern, und das über längere Zeit. «Jetzt sind wir wieder in ruhigeren Gewässern und gehen gestärkt in die Zukunft.» Eine Zukunft, die Hegi nicht mehr lange im Stiftungsrat mitzugestalten plant. «Ich bin kein Sesselkleber, nach der Übergangszeit ist Schluss», sagt er. Schluss mit der Tätigkeit im Stiftungsrat, aber niemals Schluss mit der engen Verbindung zu diesem für ihn magischen Ort.

Mehr Informationen, etwa zum Jubiläumsprogramm: www.kuenstlerhausboswil.ch.

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